Seelenhaus

Darf es mir im Lockdown schlechtgehen?

Kürzlich ist mir auf Instagram ein Post von „wastarasagt“ untergekommen mit Gedanken zum Lockdown. Parallel dazu lese ich immer öfter Aussagen wie „Das sind jetzt aber Luxusprobleme“ oder auch „Was ist denn so schlimm am Lockdown?“. Es gibt aber auch Posts, Beiträge und Gedanken die einen anderen Inhalt haben und die schweren Seiten des Lockdowns beschreiben. Diejenigen, die in Kurzarbeit stecken oder gar ihren Job verloren haben. Diejenigen, die selbstständig sind und jetzt vor dem Nichts stehen. Diejenigen, die im Homeoffice oder im Homeschooling sitzen (oder gar beides gleichzeitig) und überfordert sind. Und dazwischen hänge ich irgendwo.

Darf es mir schlechtgehen obwohl andere viel größere Probleme haben?

Da erwischt sich man sich dabei, sich ein wenig zu schämen. Weil andere arbeitslos geworden sind oder in Kurzarbeit stecken und ich im Homeoffice sitze. Und in diesem kurzen Moment frage ich mich: Warum darf ich eigentlich nicht mit dem Lockdown ein Problem haben? Wer sagt denn, dass ich mich nicht schlecht fühlen darf? Weil die Probleme anderer Menschen essentieller sind? Weil sie größer sind? Und genau an diesem Punkt ist man wieder in dieser Spirale drin die man aus den vergangenen toxischen Beziehungen schon kennt. „Stell dich mal nicht so an“ sagt man sich dann. Und „Anderen geht es viel schlechter als Dir“. Peng! Da ist man sich selbst gegenüber toxisch und relativiert mal kurzerhand die eigenen Empfindungen.

Es darf mir und Dir schlecht gehen im Lockdown

Niemand, ausser wir selbst, kann einschätzen wie es uns geht. Niemand hat das Recht einem zu sagen wie man sich gefälligst zu fühlen hat. Niemand ist dazu berechtigt meine Probleme mit anderen zu vergleichen. Weil meine Empfindungen und meine Gefühle nur meine Sache sind. Und deine Empfindungen und deine Gefühle sind deine Sache. Da kann und will ich nicht relativeren oder abwägen. Warum auch? Ich habe keine Ahnung wie Du dich fühlst. Aber ich weiss wie ich mich fühle.

Einerseits ist der Lockdown für mich persönlich erträglich. Es ist okay zuhause zu sein, das ist für mich im Moment echt schön. Aber ich vermisse den Kontakt zu meinen Freunden, zu meinen Kollegen. Ich vermisse es ins Fitnessstudio zu gehen, auf die Sonnenbank, zum Frisör und einfach mal schlendern zu gehen. Ich vermisse Partys, Beisammensein und meine kleinen Ausflüge. Ich vermisse Konzerte und Ausstellungen, Theaterstücke und Kinobesuche.

Die vollen Bahnen und Busse vermisse ich nicht. Ich vermisse es auch nicht beim Einkaufen den Atem meines Hintermannes im Nacken zu spüren. Ich vermisse es nicht angerempelt zu werden und auch nicht dass Menschen einem pietätlos nahe kommen. Das sind für mich die positiven Seiten der AHA-Regeln in diesem aktuellen Lockdown.

Social Distancing ist okay, Soziale Isolation nicht

Aus meinen toxischen Beziehungen kenne ich soziale Isolation sehr gut und intensiv. Das aktuelle Social Distancing ist für mich hingegen vollkommen okay. Ich mag es ohnehin nicht wenn fremde Menschen mir zu nahe kommen. Aber der Grat zwischen Distanz und Isolation ist sehr schmal. Jetzt wo nahezu alles digital abläuft rutschen manche Menschen auch ab. Da werden einige Teil einer vermeintlich großen Gruppe die „mehr weiss als der Normalbürger“ und plötzlich entsteht ein Verbundenheitsgefühl in den Telegramgruppen und Facebookkommentarspalten. Wahrscheinlich ist es genau diese Dynamik die Menschen in dieser Situation mitzieht. Diese Verbundenheit, wenn auch nur vorgespielt, die zumindest in diesen Gruppen für ein Gefühl der Nähe sorgt.

Ich beobachte diese Entwicklung schon länger. Sie macht mir Sorgen, weil es am Ende eine Einsamkeit bei diesen Menschen hinterlassen wird ,die sie nicht kompensieren können. Und bei all dem versuche ich stets und jeden Tag aufs Neue die positiven Seiten der aktuellen Situation zu sehen. Ja, für mich gibt es sie. Und ja, ich weiss dass da draussen viele Menschen um ihre Existenz kämpfen. Das vergesse ich auch nicht, es hat aber nichts mit meiner individuellen Situation zu tun. Es ist schwierig positiv zu bleiben, weil der Lockdown auf die Stimmung drückt. Weil ein Stück von mir erkämpfte Freiheit eingeschränkt wird und ich spüre wie sehr ich diese Freiheit vermisse. In schweren Stunden fühle ich mich eingesperrt, nicht wie in den langen toxischen Bindungen die ich hatte, eher mental. Und das ist schwierig. Damit geht es mir manchmal schlecht. Und das darf es.

Weil Lockdown schwierig ist.

Weil Lockdown nicht leicht zu ertragen ist.

 

Über den Autor

Die Stehauffrau bloggt über das Leben nach toxischen Beziehungen, die schönen Dinge des Lebens und den Weg dorthin. Stehauffrau steht für eine Frau die den Weg vom Opfer zur selbstbestimmten Frau gegangen ist.

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