Seelenhaus

Ich war ein Opfer – Jetzt bin ich nur ich selbst

Wenn man in einer – oder mehr – toxischen Beziehungen gelebt hat, dann verliert man sich selbst. Ich war ein Opfer mehrerer solcher kräftezehrenden Verbindungen, im Elternhaus und in der Ehe. Lange Zeit war ich unbewusst das Opfer, es klingt fast wie gebrandmarkt. Als hätte man den scharlachroten Buchstaben auf seiner Kleidung. Doch innerhalb des Spinnennetzes spürst du es nicht, du hast einfach nicht den Blick von außen. Das Netz, was toxische Menschen um einen herum aufbauen ist klebrig, undurchsichtig und fest. Und doch kann man es schaffen diese Verbindungen zu lösen – für sich selbst.

Was zählt bist DU

SelbstliebeBuddha_Stehauffrau

Als ich mich lösen konnte, endlich flüchten konnte, stand ich vor einem Scherbenhaufen. Nicht nur mein bisheriges Leben lag in tausend Scherben vor meinen Füßen, auch ich selbst war gebrochen. Ich hatte nicht viele Optionen und zurückzugehen war keine, obwohl ich zwischenzeitlich unsicher war das richtige zu tun. Heute weiss ich: Es war richtig und wichtig zu gehen, es war richtig und wichtig für MICH. Während in meiner Vergangenheit Dinge wie Selbstliebe, Selbstachtung und Eigenständigkeit als sehr falscher Egoismus ausgelegt und teilweise auch bestraft wurden, sind genau diese Dinge heute für mich zentrale Pfeiler meines Lebens.

MEINES Lebens – diese zwei Worte klingen auch jetzt noch so phantastisch für mich. Die Suche nach mir selbst, sie war nicht leicht und ich bin noch nicht am Ziel, aber bis hierher habe ich es geschafft und darauf bin ich stolz. Ich unterteile mein Leben inzwischen in mein altes Leben, was immer ein Teil von mir sein wird, und mein neues Leben, MEIN Leben. Es ist wichtig dir dies vor Augen zu halten, es ist DEIN Leben. Niemand anderer wird es für Dich leben, niemand in deine Haut schlüpfen und dein Päckchen tragen. Da bist nur DU. Und manchmal ist genau dieser Fakt etwas schönes und unheimlich schweres zugleich. Ich musste das lernen, es ist wie schwimmen lernen oder lesen, am Anfang schwer und dann gehört es einfach zu Dir.

Raus aus der Opferrolle

Der erste Schritt ist zugleich der wichtigste: Raus aus der Opferrolle! Auch wenn dein persönlicher Schritt dir klein erscheinen mag, er ist ein Anfang. Und dann geht es weiter, Schritt für Schritt. Mal mit ganz großen Schritten und mal mit kleinen Schritten. Mein erster Schritt war die Flucht, danach habe ich eine Trauma Therapie begonnen und diese eisern durchgezogen. Egal wie hart wie die Sitzungen waren, egal wie sehr es wehtat. Denn mir war klar: Alleine schaffe ich das nicht.

Opfer zu sein ist schlimm, in der Opferrolle stecken zu bleiben noch viel schlimmer. Denn obwohl die Misshandlungen von außen aufgehört haben, stecken viele weiterhin in der Falle fest und der Missbrauch geht weiter. Das war mir klar und ich stellte mich der Herausforderung: Mich finden. Mit allen Stärken, mit allen Schwächen und allem was in mir begraben lag. Ich hätte es nie für möglich gehalten es so weit zu schaffen, die Augen zu öffnen und das alles zu ertragen. Der Grund warum ich kein Opfer mehr bin ist denkbar einfach: Ich habe mich anders entschieden. Der Weg dahin war schwer und jeder der euch erzählt es wäre einfach, ist ihn nicht gegangen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Holt euch Hilfe! Allein schafft ihr es nicht, weil euch der Spiegel fehlt, die Perspektiven und die Denkanstösse. Manches konnte ich nur erkennen, weil jemand anderer es mir gezeigt hat.

Die Fragen aller Fragen

Innerhalb der Therapie ging es um die Eckpfeiler des Lebens:

Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Was möchte ich erreichen? Wie möchte ich mein Leben gestalten? 

In meinem alten Leben kannte ich die Antworten, es waren die anderer Menschen. In meinem neuen Leben musste ich die Antworten erst suchen. Ich habe mich mit meinem inneren Kind auseinander gesetzt und dabei den Grund für all die Erfahrungen später gefunden. Ich habe tagelang, stundenlang immer wieder nachgedacht, in Frage gestellt und überdacht. Immer wieder begab ich mich auf die Reise in meine Kindheit, fand endlich Erklärungen für meine Verhaltensweisen. Viele Tränen sind geflossen, viele Male habe ich gezweifelt. Und dann, ich weiss nicht genau wann, gab es einen Punkt da fühlte es sich an, als würde der Knoten platzen. Als hätte jemand die Tür geöffnet und mir war klar: Das schlimmste ist vorbei.

Hör auf Dich

Heute sehe ich Dinge anders, meine Sicht auf das Leben hat sich geändert, auf Beziehungen jeglicher Art und auf mich. Ich achte auf mich, ich nehme mir Zeit für mich und ich horche in mich hinein. Früher gab es das nicht, früher habe ich funktioniert und einfach wie ein Hamster das Rad gedreht. Früher fühlte sich glücklich sein nicht so intensiv und schön an wie heute. Früher habe ich meine Grenzen nie geschützt, es gab unzählige Grenzüberschreitungen und Verletzungen meiner Intimsphäre. So viele Narben auf meiner Seele. Heute ziehe ich Grenzen und verteidige sie auch. Heute höre ich auf mein Bauchgefühl. Ich fühle mich wohl in meiner Haut und mit mir. Das ist ein Geschenk und ich weiss es zu schätzen.

Es ist wie die Raupe die zum Schmetterling wird. Und so fühlt es sich auch an. Es ist einfach in der Opferrolle zu verweilen, die Schuld wegzuschieben und die Verantwortung abzugeben. Aber diese Rolle ist wie im Moor festzustecken, irgendwann zieht es Dich runter und dann ist da nichts mehr von Dir. Du bist stark, du weisst es vielleicht noch nicht, aber du bist es. Und du kannst diesen Weg gehen, selbst wenn es langsam ist und deine Schritte klein, so kannst du ihn doch gehen. Selbstliebe ist manchmal schwer, ja. Selbstachtung ist wichtig und zu wissen wofür du stehst, was du dir wünscht und wer du sein möchtest ist mehr als Motivation.

Ich kann heute sagen: Ja, ich bin eine Stehauffrau. Und das fühlt sich verdammt gut an!

 

 

Über den Autor

Die Stehauffrau bloggt über das Leben nach toxischen Beziehungen, die schönen Dinge des Lebens und den Weg dorthin. Stehauffrau steht für eine Frau die den Weg vom Opfer zur selbstbestimmten Frau gegangen ist.

(1) Kommentar

  1. […] ein Thema, eben weil ich nie ich selbst war. Mich kennengelernt habe ich eigentlich erst durch das Verarbeiten der Traumata und der Frage was ich mit meinem Leben eigentlich anfangen möchte. Das ist übrigens schwieriger […]

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