Seelenhaus

PTBS – Du bist ein Arschloch!

Liebe PTBS,

ich weiss, wir verbringen jetzt schon eine ganze Weile miteinander, aber ……. Du bist ein Arschloch!

Muss ja mal gesagt werden. Wenn ich es ihr sagen könnte, ich würde es tun. Ganz leise, aber bestimmt. Weil es so ist. Sie ist längst nicht mehr so präsent wie sie einst war und sie hält sich ganz oft zurück, aber manchmal eben nicht. Und dann ist es wieder ein Kampf. Mit ihr, mit mir, mit meiner Seele. Und deshalb mag ich sie nicht.

Geh doch bitte einfach weg

Wer sich jetzt fragt wen ich eigentlich anspreche, der möge einmal schauen was die PTBS eigentlich ist:

Was ist PTBS? Klick zum ausklappen 🙂
PTBS ist eine posttraumatische Belastungsstörung, sie ist im Prinzip eine Reaktion auf ein oder mehrere traumatische Erlebnisse. Das können Erlebnisse verschiedenster Art sein, von Gewalterfahrung bis hin zu Unfällen oder Naturkatastrophen. Nach ICD 10 wird sie diagnostiziert durch das Vorliegen von Ein- und Durchschlafstörungen oder der Unfähigkeit sich an Einzelheiten der Erlebnisse zu erinnern, erhöhte Schreckhaftigkeit, Wutausbrüche, Reizbarkeit, emotionale Stumpfheit, Sozialer Rückzug ect. Die Liste der Symptome ist lang. Sie zeigt sich relativ schnell nach einem solchen Trauma, meistens binnen eines Jahres. Sie ist heilbar, doch das kostet Zeit und Mühe.

Seit fast drei Jahren ist sie nun bei mir, die PTBS. Und ich denke, es ist genug. Obwohl sie anfangs täglich präsent war und im Laufe der Zeit immer weniger wurde, habe ich sie in ihrer Abwesenheit nie vermisst. Und genau dann schleicht sie sich wieder an. Still und leise. Und dann stehst du da und fragst dich ob das jetzt dein Ernst ist. Wenn ich zurückdenke an die Anfangszeit so war sie da verständlich. Ich habe es verstanden warum sie da ist und ich habe auch verstanden dass sie mich irgendwie auch unterstützt. Sie hat mich oft sprachlos gemacht, in Panik versetzt und schlicht umgehauen. So ist sie eben und das ist kein in Schutz nehmen. Aber jetzt geht sie mir dann doch auf den Keks. Ich habe keine Lust mehr „schlechte Tage“ zu haben. Ich habe keine Lust mehr plötzlich in einem Flashback zu stecken. Ich habe keine Lust mehr nachts schweißgebadet endlich aufzuwachen. Ich habe auch keine Lust mehr Menschen zu erklären was sie ist und warum sie da ist. Erklären muss man sich leider oft, weil man manchmal eben völlig anders reagiert als die Umwelt.

Die guten Tage überwiegen

Es sind die „guten Tage“ die überwiegen. Inzwischen besucht mich die PTBS nur noch selten, in den letzten sechs Monaten waren es ca. 10 Male. Das ist wenig, wenn ich bedenke wie oft sie am Anfang da war: jeden Tag. Manchmal denke ich, sie will mich daran erinnern, dass ich immer noch in der Verarbeitung bin. Dass es immer noch in meiner Seele viele viele Narben gibt. Und dass ich nicht verdrängen, sondern verarbeiten soll. Verdrängen wäre einfach, aber dann lande ich wieder da wo ich herkam: In einer toxischen Verbindung. Vielleicht ist es dafür auch zu spät, ich weiss es nicht. Ich weiss nur ich muss achtgeben. Sie ist da, wenn ich nicht dran denke. An der Supermarktkasse zum Beispiel, wenn der Hintermann so nah an mir dransteht, dass ich seinen Atem in meinem Nacken spüre. Das ertrage ich nicht und kommuniziere das auch. Die meisten Menschen respektieren dieses Minimum an Intimsphäre im öffentlichen Raum und treten einen Schritt zurück. Einige wenige nicht und denen muss man es eben laut und bestimmt sagen.  Oder in beengten Räumen, da fühle ich mich nur wohl wenn ich den Ausgang sehen kann und er schnell erreichbar ist. Menschenmengen machen mir Angst, denn sie sind eine Herausforderung für mich. Weil ich in der Menge den Überblick verliere und irgendwann anfange sein Gesicht zu sehen. Die Träume in denen ich träume wach zu sein und mich nicht bewegen zu können versetzen mich in Panik. Eindringen in meine Privatspähre und Intimsphäre ist für mich ein No-Go. Kürzlich gab es an meiner Wohnung einen Einbruchsversuch und der hat mich über Tage getriggert. Triggern, so nennt man es, wenn es einen Auslöser für die PTBS Symptome gibt. Bei mir sind es Gerüche und das Gefühl von Hilflosigkeit, wenn ich nicht richtig atmen kann werde ich panisch. Und dann können mir nur wenige helfen.

Notgedrungen ein Teil von mir

Ich habe gelernt damit zu leben. Weil ich die Auslöser gefunden habe und ihnen aus dem Weg gehen kann. In der ganzen Zeit bis hierher sind nur wenige Trigger übrig geblieben und denen kann ich gut ausweichen. Die PTBS wird noch eine Weile ein Teil von mir sein, denn sie geht irgendwann laut aller Prognosen. Und darauf freue ich mich, denn dann bin ich am Ziel. Dann habe ich es geschafft und diese ganze Scheiße überwunden. Bei meiner letzten Panikattacke habe ich gedacht ich würde sterben. Ich war alleine und völlig hilflos, weil mein Körper mir einfach nicht gehorchen wollte. Und mein Kopf hat wirre Dinge gedacht, weil meine Psyche mich zurückgeschickt hat in ein Erlebnis mit extremer Gewalt. Dabei wusste ich, es ist nicht real und trotzdem war ich voll „drin“. Aber irgendwann gibt der Körper die Spannung frei, irgendwann kotzt du einfach nur noch den ganzen Schmerz aus. So ist das. Kürzlich hatte ich einen Taschendieb an mir dran, er wollte checken ob er meine Handtasche abgreifen kann und ich habe ihn gefragt ob er „was auf die Fresse“ möchte. Es war eine simple Frage und er tat gerade so als hätte ich etwas völlig abwegiges gefragt. Wenn ich ehrlich sein soll hatte ich in diesem Moment die Kontrolle an die PTBS abgegeben und die setzt inzwischen auf die Flucht nach vorn, statt weg von allem. Einerseits ist das gut, weil ich weiss: Ich kann mich im Fall der Fälle verteidigen. Andererseits habe ich ein Problem mit Gewalt. Mein Körper hat soviel Gewalt tapfer ertragen, ich wünsche es niemand anderem. Und doch würde ich mich verteidigen,mit allem. Vielleicht liegt es an der Grenze die überschritten wurde, vielleicht sehe ich Gewalt inzwischen anders ohne es zu wissen. Weil ich weiss was überleben heisst. Was es bedeutet. Wie es sich anfühlt.

Und trotz all dieser Erkenntnisse ist die PTBS ein mieses Arschloch. Weil sie sich anschleicht und einen erschreckt. Weil sie manchmal lange schläft und dann wie ein Rudel Nashörner in dein Leben trampelt.

Und doch gehört sie zu dir.

 

Über den Autor

Die Stehauffrau bloggt über das Leben nach toxischen Beziehungen, die schönen Dinge des Lebens und den Weg dorthin. Stehauffrau steht für eine Frau die den Weg vom Opfer zur selbstbestimmten Frau gegangen ist.

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