Seelenhaus

Himmel-Höllen-Ritt (1) – Kindheit mit einer Narzisstischen Mutter

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Es gibt eine simple, aber dennoch treffende Feststellung im Volksmund:

Die harte Schule des Lebens.

Auch wenn es sehr oft nur eine harmlos dahingesagte Floskel ist, ist sie mehr als wahr. Nur die Härte, die ist bei jedem anders. Ich scheine die besonders harte Schule erwischt zu haben, vielleicht hat das auch sein Gutes.

Meine Mutter die Eiskönigin

Als Kind habe ich sehr schnell gelernt mich möglichst unsichtbar zu machen. Nicht auffallen. Nicht negativ auffallen. Möglichst angepasst sein. Wie ein Chamäleon, immer an die Umgebung angepasst. Nur mit dem Unterschied dass ich mich nicht an meine Umgebung anpassen musste. Ich musste mich den Launen meiner Mutter anpassen. Meine Familienstruktur verdient die Bezeichnung „Familie“ eigentlich nicht, alles was die Familie ausmacht fehlt meiner. Ich bin das Kind eines Kindes, meine Mutter war gerade erst 16 als sie mich zur Welt brachte. Selbst noch ein Kind und selbst geprägt durch genau die Familienstruktur, die ich erlebte. Meine Großmutter war ihr gegenüber immer gefühlskalt, für sie war ich das sogenannte „goldene Kind“. Das Kind was alles richtig macht, was mit Liebe überschüttet wird, dem jeder Wunsch erfüllt wird. Aber Liebe, diese tiefe Emotion kannte weder meine Großmutter, noch meine Mutter.

Sie war kalt. Ich kann mich nicht erinnern dass sie mich einmal umarmt hat. Körperliche Nähe zu mir  war ihr zuwider. Bei meinen Halbgeschwistern verhielt sich das anders. Kuscheln mit der Mutter kannte ich aus der Beobachtung im heimischen Wohnzimmer. Ich weiss heute: Meine Mutter war eine Narzisstin. Hier zu erklären was Narzissmus ist führt zu weit, aber ganz viele tolle Infos speziell für Kinder Narzisstischer Eltern findet ihr auf http://www.narzissmus.org/.

Anpassung für Aufmerksamkeit

Im Märchen „Die Eiskönigin“ haben menschliche Enttäuschungen zur Entstehung der unnahbaren, ungnädigen Königin beigetragen. So war es wohl auch bei meiner Mutter. Sie hatte ein Idealbild, eine Wunschvorstellung vor Augen: eine heile Familie. Das Problem: Sie wusste eigentlich gar nicht was das ist und wie das geht. Genauso ging es mir.

Meine Kindheit ist geprägt von Distanz. Genau genommen war meine Mutter so gut wie nie präsent, es sei denn es waren Dritte anwesend. Nach außen hin war sie immer die tolle Mutter, die sich aufopfernde Mutter, die, die alles konnte. Schlussendlich gebar sie 5 Kinder. Von denen sie 4 mit Liebe überschüttete. Ihre Distanz zu mir war irgendwann Normalität für mich. Körperliche Nähe kannte ich nur von meinem Großvater, dessen Liebe ich auch heute nicht in Frage stelle, sie war wahrscheinlich die einzig echte positive Emotion in meiner Kindheit. Die „Liebe“ meiner Großmutter war lediglich dazu gedacht meine Mutter zu verletzen. Und das funktionierte. Die Kluft zwischen beiden Frauen war mehr als Groß und mittendrin, irgendwo in diesem ganzen Hass stand ich. Ich habe früh gelernt zu funktionieren. Anpassung ist Gold wert, nämlich Aufmerksamkeit.

Umso mehr Kinder kamen, umso mehr wurde ich in den Haushalt eingebunden. Mit gerade einmal 8 Jahren habe ich den Babysitter gegeben für einen Säugling, erst stundenlang, dann nächtelang. Ich wusste Bescheid über die richtige Temperatur der Babynahrung, wie man richtig wickelt und warum man auf Babys Kopf gut aufpassen muss. Freunde? Toben auf dem Spielplatz? Fehlanzeige. In der wenigen Zeit die ich außerhalb der Pflichten hatte war ich ein Wildfang. Für die wenigen Menschen die ich aus dieser Zeit noch kenne war ich die Pippi.

Pubertät – Entwickle kein eigenes „Ich“

Während andere in der Pubertät ihre Persönlichkeit entwickelten, Hobbys fanden und erste Erfahrungen in allerlei Bereichen sammelten, kannte ich mich mit Kindererziehung, deren vielfältige Krankheiten, Gartenarbeit in allen Facetten und korrekter Haushaltsführung aus. Eine eigene Meinung wurde sehr schnell im Keim erstickt, ich hatte keine zu haben. Ich war eine sehr gute Schülerin. Das ist aber nicht meinem vermeintlich hohen Intellekt geschuldet, es war die Flucht nach vorn. Über gute Schulnoten freute sich meine Mutter nicht, aber immerhin schimpfte sie auch nicht mit mir. Nichts war gut genug. Kam ich mit einer Eins nach Hause wurden mehrere Gründe gefunden warum genau die jetzt absolut unwichtig ist. Sehr oft warf sie mir vor ihre Jugend gestohlen zu haben. Noch öfter hat sie geäußert es bereut zu haben mich bekommen zu haben. Und täglich wurde ich daran erinnert. Diese Schuld schleppte ich lange mit mir herum. Es war nicht mein Päckchen, dennoch habe ich es getragen. Umso älter ich wurde, umso schwieriger wurde unser ohnehin schon schlechtes Verhältnis. Neben offener Zimmertür und täglicher Kontrolle meines Zimmers, wurde jeder Schritt kontrolliert. Ohne meine Geschwister konnte ich das Haus nicht verlassen. Privatsphäre kannte ich nicht, wahrscheinlich ist das auch der Grund warum ich sie heute umso mehr lebe.  Der einzige Ort an dem sie keinen Einfluss hatte war die Schule. Dort schlug mir als „Streberin“ allerdings auch eine Welle der Frustration und Wut entgegen, ich wählte die für mich bessere Variante: Wehr Dich, gehöre zu den Starken. Ich prügelte mich, rauchte hinter der Turnhalle und schaffte damit eine Form des Respekts.

Die Kommunikation zwischen meiner Mutter und mir war geprägt von Härte. Wörtlicher und Körperlicher Natur. Sie schrie mich an wenn ihr danach war, sie zischte bitterböse Worte und sie schwieg. Das Schweigen war schmerzhafter als jedes böse Wort. War sie richtig wütend prügelte sie auf mich ein. Auch das war für mich normal. Ich kannte es nicht anders. Der Teppichklopfer, Kochlöffel und Gürtel haben auch heute noch für mich eine andere Bedeutung als die normale. Worte können sehr verletzen, sie können töten. Jedes Mal wenn sie mir vorwarf ich wäre ein schlechtes Kind, ich würde ihr das Leben extra schwer machen und ich wäre eine Belastung, starb ein Stück mehr in mir. Und irgendwann war dann eben nur noch Platz für Leere.

Ein Körper ohne Seele

Aus heutiger Sicht war ich ein verzweifelter Rebell. Von Kindesbeinen an musste ich um jede positive Emotion kämpfen und war meist nur Zuschauer wenn es diese zu erleben gab. Ich sehnte mich nach Anerkennung, ein Lob oder einfach nur ein nettes Wort. Kinder entdecken die Welt und sie lernen von ihrer Umgebung. Ich lernte Ablehnung, Distanz und emotionale Kälte kennen. Traurigkeit, Wut und Verzweiflung sind die Emotionen die ich mit meiner Kindheit verbinde. Die wenigen schönen Erinnerungen spielten sich allesamt außerhalb meines Elternhauses ab. Das ist traurig und erfüllt mich auch heute noch mit diesem Gefühl von Watte, von Leere. Könnte ich dem Kind von damals etwas sagen, es wäre „Nur Mut!“. Aber ich habe inzwischen mit meinem inneren Kind Kontakt, die Therapie hat es möglich gemacht. Dazu in einem anderen Post mehr.

Als Jugendliche wurde das Leben schwerer. Die Pubertät kam und damit auch die üblichen Probleme einer Heranwachsenden. Ich kann heute sagen: Das Hauswirtschaften, die Kreative Ader und das Management des täglichen Lebens hat mir meine Mutter gut beigebracht. Ich habe heute große Freude am Kochen und Backen, am Basteln und an Handarbeiten. Alles Dinge die meine Mutter, die Übermutter nach Außen, auch getan hat. Sie ist aufgegangen in diesen Hobbys. Hat genäht, gestrickt, gekocht und gebacken, hat gemalt, hat eingekocht und angepflanzt. All diese Dinge hat sie mir beigebracht. Heute ist das positiv.

Aber irgendwann kam der Punkt an dem ich aufbegehrte. Ich wusste, es gibt eine andere Art des Lebens. Und die wollte ich haben, obwohl ich sie nicht kannte. Als es um die Berufswahl ging war meine Mutter der Ansicht ich solle Erzieherin werden. Das widersprach vollkommen meinen Vorstellungen. Ich bin bis heute kinderlos und werde dies auch bleiben, aus einem einfachen Grund: Ich kann mit Kindern nichts anfangen. Erzieherin erschien mir als völlig abwegig. Ich wählte einen anderen Weg und ging in den sozialen Bereich. Hier erfuhr ich Anerkennung und Dankbarkeit für meine Arbeit. Aber als emotionaler Mensch ist es schwierig die Arbeit Arbeit sein zu lassen. Ich nahm Probleme mit nach Hause, entwickelte Verantwortungsgefühle und wollte es allen recht machen. Das endete mit der Arbeitsunfähigkeit in diesem Bereich. Damals habe ich es bedauert, heute weiss ich: Es war besser so.

Gewollt Kinderlos

Ich bin keine Mutter und ich werde auch keine sein. Diese Entscheidung habe ich bewusst und sehr früh getroffen. Für mich ist klar: Die Angst so zu sein wie meine Mutter ist zu groß. Die Bereitschaft mein mir erkämpftes Leben zu teilen ist nicht da. Der Wunsch ein Leben zu schenken ist nicht vorhanden. Mir fehlt nichts, ganz im Gegenteil. Ich habe alles gefunden nach dem ich nie gesucht habe. Die Vorstellung selbst eine Mutter zu sein erfüllt mich mit Furcht. Zuviel Angst genauso gefühlskalt zu sein wie sie, zuviel Erinnerungen an mich als Kind. Ich kann viel Liebe geben, ich kann positive Emotionen geben, aber ich kann mir nicht vorstellen ein Kind zu gebären was „Mama“ zu mir sagt. Das ist eine Konsequenz meiner Kindheit.

Wenn ich heute zurückblicke macht mich die Erinnerung traurig. Innerhalb der Therapie habe ich viele Erinnerungen verarbeiten können und auch verstanden warum der Mensch, der mich gebrochen hat in mein Leben konnte. Ich dachte immer meine Mutter hätte mir die größten Demütigungen angetan, sie wäre das Schlimmste gewesen was ich erleben musste. Aber genaugenommen war sie nur die Vorbereitung auf den Menschen der später mein Mann wurde. Dazu mehr im zweiten Teil.

 

 

 

Über den Autor

Die Stehauffrau bloggt über das Leben nach toxischen Beziehungen, die schönen Dinge des Lebens und den Weg dorthin. Stehauffrau steht für eine Frau die den Weg vom Opfer zur selbstbestimmten Frau gegangen ist.

(6) Kommentare

  1. […] ersten Teil meiner Geschichte (Himmel-Höllen Ritt (1) – Kindheit mit einer Narzisstischen Mutter ) habe ich über meine Kindheit geschrieben und damit auch über den Nährboden für den Menschen, […]

  2. […] dann verliert man sich selbst. Ich war ein Opfer mehrerer solcher kräftezehrenden Verbindungen, im Elternhaus und in der Ehe. Lange Zeit war ich unbewusst das Opfer, es klingt fast wie gebrandmarkt. Als hätte […]

  3. […] viel zu lange. 26. Warst du ein glückliches Kind? Nein, leider nicht. (Wer mehr wissen möchte: Himmel-Höllen-Ritt (1) – Kindheit mit einer Narzisstischen Mutter ) 27. Kaufst Du oft Blumen? Ja, wann immer ich lange genug da bin um sie zu geniessen. 28. Welchen […]

  4. Dorit Balling sagt:

    Gestern bei Frau TV bin ich auf stehauffrau aufmerksam geworden. Danke, dass es diesen Blog gibt. So schlimme Dinge hab ich zwar nicht erlebt, aber ich bin auch geprägt durch Kindheit und Ehe mit einem unangenehmen Menschen. Einen richtig guten Psychologen hab ich nicht finden können, die bisherigen waren irgendwie mehr verschwendete Zeit als Hilfe. Ich bin froh, den Weg der Trennung gegangen zu sein. So etwas wollte ich niemals meinen Kindern antun, aber ich konnte so nicht weiterleben. Ich wünsche allen (gepeinigten) Menschen die Kraft zu gehen.

  5. […] 204. Was machst du anders als deine Eltern? In der ersten Lebenshälfte fast nix und in der zweiten fast alles. Es gibt einige Dinge, die ich genauso handhabe aber das auch eher auf meinen Vater bezogen. Mein größter Alptraum war ohnehin immer wie meine Mutter zu werden. Siehe auch Himmel-Höllen-Ritt (1) – Kindheit mit einer Narzisstischen Mutter […]

  6. […] selbst Betroffene (Himmel-Höllen-Ritt (1) – Kindheit mit einer Narzisstischen Mutter) fand ich mich in nahezu allen Kapiteln irgendwo wieder. Und oftmals teilte ich die Ansicht der […]

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