Seelenhaus

Himmel-Höllen Ritt (2) – Vom Regen in die Traufe – Leben mit einem Narzissten

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Im ersten Teil meiner Geschichte (Himmel-Höllen Ritt (1) – Kindheit mit einer Narzisstischen Mutter ) habe ich über meine Kindheit geschrieben und damit auch über den Nährboden für den Menschen, der mich brechen sollte. Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Mein größter Fehler damals, nach meinem Auszug aus dem Elternhaus war keine Therapie zu machen. Ich wusste, etwas stimmt nicht. Ich fühlte es, aber ich habe gedacht mit meinem Auszug ist es getan. Falsch gedacht!

Vom Regen in die Traufe

Als ich meinen Ex-Mann kennen lernte wollte ich keine Beziehung. Ich stand auf eigenen Beinen und fühlte mich wohl damit, kam gut zurecht. Die erste Begegnung war dann auch eher flüchtig. er stach nicht hervor. Blieb nicht in Erinnerung. Ich habe damals im Einzelhandel gearbeitet und er war ein Kunde. Die Stadt ist nicht besonders groß und damit auch die Auswahl wo man abends ausgehen kann recht klein. Wir liefen uns über den Weg an einem denkwürdigen Abend. Ich erkannte ihn und er legte sich mächtig ins Zeug. In den darauffolgenden Wochen hat er mir sprichwörtlich den Hof gemacht auf eine Art und Weise wie ich es bis dahin nicht erlebt habe und zukünftig kategorisch ablehnen werde.

In der Fachsprache nennt sich dieses Verhalten Love Bombing. Und das war es auch, damals habe ich das nicht erkannt. Ich war geflasht, fast schon high von dieser immensen Aufmerksamkeit, diesem Erobern. Diese Phase war geprägt von einem Verhalten was ich fälschlicherweise als verliebtsein seinerseits interpretierte, von Liebesschwüren, von Plänen für die Zukunft und von dem Gefühl der Einzigartigkeit das er mir gab. Und genau damit sprach er meine innersten Defizite an. Er gab mir Zuspruch, er nannte mich intelligent, er lobte mich und ich – blind wie ich war – glaubte ihm.

Schema F – Mein Weg ins Netz

Nach dem Love Bombing kam dann auch der Rückzug. Theatralisch trennte er sich von mir, schrieb ich hätte besseres verdient und wünschte mir alles Gute. Zwei Wochen hielt diese Stille dann rief er mich an, betrunken, natürlich. Der Rückzug ist typisch für Narzissten. Sie wissen an diesem Punkt: Du bist ihnen verfallen. Sie wissen auch: Du wirst zurückkommen. Und so war es. Ich zog relativ schnell bei ihm ein. Er sprach von großer Liebe, hatte grandiose Pläne. Was ich damals nicht gesehen habe: Wirtschaftlich hatte er da schon verloren. Ich zahlte jeden Monat meinen Anteil der Unkosten wie Miete, Lebensmittel und Co., er zahlte aber keine Miete an seinen Vermieter. Als die Räumungsklage kam tat er überrascht, ich glaubte ihm und fand das natürlich auch sehr ungerecht. Wir zogen in die Stadt, die wir für unsere Zukunft ausgewählt hatten. Da es Hals über Kopf ging mussten wir zunächst zur Untermiete wohnen. Eine schwere Zeit, da ich zu diesem Zeitpunkt Alleinverdienerin war – es aber nicht realisierte.

Schuld ist immer der andere

Und ganz nebenbei zur Bekräftigung unserer „Liebe“ heirateten wir.

Aus heutiger Sicht war diese ganze Sache einfach nur kühl und emotionslos, denn ich weiss jetzt: Er hat rein gar nichts gefühlt. Er wollte mich nur anketten. Mit der Hochzeit und dem Umzug begann die Abwertung. Die schweren Umstände waren selbstverständlich meine Schuld. Er sagte, er sei überfordert und wisse nicht so recht wie er die Dinge angehen solle. Meine Figur war plötzlich zu dick, dann war sie zu dünn. Meine Haar war nicht ordentlich genug und schminken könnte ich mich auch mal. Zusehends war ich in der Spirale, die ich schon von meiner Mutter kannte: Gefallen, funktionieren und bloß keinen Ärger machen. Ganz nebenbei hat er sämtliche Freunde und Teile der Familie abserviert. Alle waren nicht gut genug, zu engstirnig, zu fade, zu erfolglos. Er hat Menschen um sich gescharrt die ihm einen Vorteil brachten, sei es Mann oder Frau.

Außen hui, innen pfui

In der Außendarstellung war er der Privatier. Der Mann, der so vieles in seinem Leben geschafft hatte und sich nun privat vergnügte. Stets auf materielles bedacht, damit blendet es sich am Besten. Er bezaubert Menschen, das tut er wahrscheinlich auch heute noch. Alles, was er erreicht hat, hat er durch Manipulation erreicht. Traten wir als Paar auf wurde ich vorher genauestens instruiert. Was darf ich sagen, mit wem darf ich sprechen und wie lange, wie habe ich mich zu verhalten. Wir galten als das perfekte Paar. Es war immer alles genau geplant: Abgestimmte Kleidung, die er natürlich aussuchte, Schmuck dezent aber teuer. Immer das Beste, immer das neueste.

Hinter verschlossenen Türen sah es dann anders aus. Er duschte manchmal Tage nicht, trank phasenweise von morgens bis abends. Immer verbunden mit Vorwürfen mir gegenüber, massiver Kritik und Abwertung. Er hielt mich auf Abstand und beschwerte sich dann über Distanz zu mir. Er beschimpfte mich auf übelste um sich dann am nächsten Tag zu entschuldigen. Halbherzig, die Ausrede: der Alkohol. In seinen „trockenen Phasen“ war er meist unterwegs, zog durch die Stadt oder fuhr weg. Heute weiss ich: Er hatte hier und dort andere Frauen. Ebenso wie mich manipulierte er auch diese, meistens ging es um Geld und Kontakte. In den letzten Jahren der Ehe gab es immer wieder Gespräche über eine Trennung, er ging und kam dann nach ein paar Tagen wieder. Natürlich gelobte er Besserung, gab mir zwischen den Zeilen die Schuld an allem und liess mich eindeutig wissen: Ohne mich bist Du nichts. Das glaubte ich auch. Völlig isoliert von sozialen Kontakten die er nicht kontrollieren konnte, hatte ich auch niemanden der mir das Gegenteil sagen konnte.

Abwärts und irgendwann kommt der Aufprall

Sein Alkoholkonsum wurde mehr. Zuletzt war er kaum mehr nüchtern. Ein Streitpunkt für ihn: mein weniger Alkoholkonsum. Es störte ihn dass ich wenig bis gar nichts trank. Zu dieser Zeit hatte ich bereits andere Kontakte knüpfen können: An der Universität, später als Selbstständige Bürokraft für Kanzleien und dann mit meiner eigenen Firma. Er versuchte dort hineinzukommen, scheiterte aber relativ schnell an seinem aggressiven Verhalten gegenüber Kollegen und Kunden. Da hatte bei mir bereits eine Wandlung eingesetzt, ich verstand: Hier läuft was falsch, das habe ich doch alles schon einmal erlebt. Ich fing an mich zu distanzieren. Nickte seine Entschuldigungen nur noch ab, zeigte meine Betroffenheit nicht mehr wenn er mich mal wieder beschimpfte. Und dann kam die Wende: Wir hatten ein – aus meiner vernebelten Sicht – klärendes Gespräch und waren übereingekommen uns zu trennen. So lebten wir einige Monate nebeneinander her. Irgendwann gab es wieder Streit und ich packte eine Tasche und ging. Vielleicht war das der Dammbruch für ihn, der Moment an dem er entschieden hat die Grenze zu überschreiten. Wissen werde ich es nie, er bestreitet bis heute vehement was dann passiert ist.

Der Teufel trägt Ehering

Ich entschied mich für Ignorieren. Nahm keinen Anruf entgegen, beantwortete keine SMS und keine WhatsApp. Er bombardierte mich förmlich. Aufatmen konnte ich kaum, ich benötigte Unterlagen aus meinem Büro und das hiess ihm über den Weg laufen, denn meine Schlüssel musste ich ihm bei meinem Weggang geben. Hätte ich gewusst was an diesem Tag passiert, ich wäre nie und nimmer hingegangen. Er war erst ruhig, fast schon zu ruhig. Naiv wie ich war, dachte ich er hätte sich beruhigt und wir könnten das klären. Aber kaum habe ich die Wohnung betreten, schloss er die Tür ab und zog den Schlüssel ab. Plötzlich stand er vor mir und hielt mir eine Waffe direkt vors Gesicht. Instinktiv versuchte ich zu flüchten, aber er war schnell hinter mir und dann passierte es: Er schlug zu, er trat zu und er schrie mich an. Ich liess mich fallen und mein einziger Gedanke war „Jetzt ist es vorbei“. Ich glaube ab diesem Moment hat er seine Zurückhaltung vergessen. Die Grenze war überschritten und er lebte seine ganze Dominanz aus.

Es folgten Wochen voller Demütigung, Gewalt und Erniedrigung. Er nannte mich nicht mehr beim Namen, er behandelte mich wie ein Tier und in jeder Sekunde hatte ich Angst. An dieser Stelle kann und will ich nicht ins Detail gehen, die Misshandlungen überschreiten eine Ohrfeige bei weitem. Meine Angst manifestierte sich in steter Aufmerksamkeit, ich war immer wachsam, kam nie zur Ruhe. Wenn ihm danach war trat er mich, wenn er es für nötig hielt schubste er mich, er trank immer und zwang mich es ihm gleich zu tun. Ich aß kaum noch und schlief fast nicht. Selbst im Bad war ich nicht allein, die Tür musste offen bleiben.

Ausreden um nicht aufzufallen

Seinem Umfeld erzählte er, er hätte es gerade sehr schwer mit mir. Ich sei psychisch krank und es gehe mir nicht gut. Er konnte mich auch schwer zu den offiziellen Terminen mitnehmen, es war Sommer und ich konnte nichts kurzes tragen. Die Hämatome wären für ihn wahrscheinlich schwerer zu erklären gewesen als meine gänzliche Abwesenheit. Er beschränkte sich bei seinen Ausbrüchen irgendwann auf den Oberkörper und Rückenbereich, so dass Beine und Arme möglichst frei von Spuren blieben. Mein Humpeln aufgrund eines sehr großen und tiefliegenden Hämatoms erklärte er mit einem Treppensturz. Würgespüren am Hals verdeckte ich mit leichten Tüchern, was bei 30 Grad Außentemperatur unauffälliger nicht sein konnte. Bei einer Gelegenheit wo gegrillt wurde sah eine Bekannte von ihm meine Oberarme und die blauen Flecke, sie sagte kein Wort. Auch als er volltrunken der ganzen Runde erzählte ich sei eine Schlampe und er müsse mich jetzt behalten weil er mich aus der Gosse geholt habe, verzog keiner eine Miene. Offensichtlicher hätte es nicht sein können, dennoch haben alle geschwiegen.

Das wirklich Wahnsinnige an der ganzen Sache: Er ging tatsächlich davon aus, dass ich bei ihm bleibe. Er sprach über die Zukunft und stellte Regeln auf, Regeln die ich zu befolgen hatte. Bei Regelverstoss drohte Strafe und diese manifestierte sich meistens in einem Hämatom. Die wahrscheinlich einzige Chance dieser Hölle zu entkommen nutzte ich und flüchtete mit dem was ich am Leib hatte. Es war nicht viel, aber ich war raus.

Der Wolf im Schafspelz

Mangels verlässlicher sozialer Kontakte ging ich ins Frauenhaus (Bericht dazu: Frauenhaus – Erfahrungen . ). Der aus meiner Sicht sicherste Ort für den Moment. Als ich dort ankam stand ich absolut unter Schock. Die ersten Tage fühlte es sich an, als würde ich von außen zuschauen. Meinen Körper beobachten, wie er in der Gerichtsmedizin untersucht wird, meinen Mund sehen wie er die Worte bei der Vernehmung bei der Kripo formt. Alles fühlte sich an wie aus Watte. Ich war taub.

Das erste Mal richtig geweint habe ich erst über eine Woche nach meiner Flucht. Der ganze Schmerz, die Scham und die Angst brachen aus mir heraus. Ich war fertig. Mein Körper übersäht mit Hämatomen, Wunden und ausgemergelt. Meine Seele so leer. Aber es war richtig zu gehen. Es war richtig zu flüchten. Er hätte mich umgebracht, das habe ich in seinem Blick gesehen. Ein Blick der mich auch heute noch in schlechten Nächten verfolgt. Dann spüre ich ihn wieder, seine Hände um meinen Hals und diese Augen. Das Trauma sitzt tief und wird mich wahrscheinlich noch Jahre begleiten. Ich weiss heute: Leben oder Sterben. Mehr Varianten gab es für mich nicht.

Ich habe mich richtig entschieden und das Beste daraus gemacht. Neu angefangen und mir ein Leben aufgebaut was nur meines ist. Ich bin ich selbst und ich kenne mich selbst. Bin nicht abhängig von jemand anderen und auch nicht davon, dass mich jemand mag. Ich kenne meine Grenzen und schütze sie auch. Das alles habe ich mir erarbeitet, mit Geduld, mit Kraft und Stärke.

 

 

Über den Autor

Die Stehauffrau bloggt über das Leben nach toxischen Beziehungen, die schönen Dinge des Lebens und den Weg dorthin. Stehauffrau steht für eine Frau die den Weg vom Opfer zur selbstbestimmten Frau gegangen ist.

(2) Kommentare

  1. […] selbst. Ich war ein Opfer mehrerer solcher kräftezehrenden Verbindungen, im Elternhaus und in der Ehe. Lange Zeit war ich unbewusst das Opfer, es klingt fast wie gebrandmarkt. Als hätte man den […]

  2. […] ich mit nichts als dem was ich am Körper trug da. Wie es dazu kam kann hier nachgelesen werden: Himmel-Höllen Ritt (2) – Vom Regen in die Traufe – Leben mit einem Narzissten […]

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